Oberstdorf, St. Johann Baptist

Josef Zeilhuber, Altstädten 1934

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Geschichte der Werkstatt

Der aus dem oberbayerischen Haag stammende Josef Zeilhuber sen. (1889-1964) war von 1908 bis 1927 bei Mönch (Überlingen) tätig und ab 1914 dort Werkstattmeister. 1928 gründete er in Altstäden bei Sonthofen die „Orgelbauanstalt Joseph Zeilhuber“. Sein Sohn Alfons Zeilhuber sen. (1922-1986) übernahm die Firma 1964. Seine Ausbildung hatte er im eigenen Betrieb und bei Giesecke (Göttingen) erhalten. Von 1928 bis 1990 entstanden mehr als 150 Neubauten für das Allgäu, Schwaben und Bayern, darunter 40 dreimanualige Instrumente und 1957 die 107 Register umfassende Orgelanlage für den Münchner Dom. Seit 1997 führt Alfons Zeilhuber jun. (*1965) den Betrieb. Er erhielt seine Ausbildung bei Schmid (Kaufbeuren), Pflüger (Feldkirch) und Rieger (Schwarzach).

Stilistische Ausrichtung

Wie bei den Gebrüdern Hindelang lassen sich auch an der Geschichte der Firma Zeilhuber die verschiedenen Modeströmungen gut erkennen, welchen Orgelbauer im Laufe des 20. Jahrhunderts unterworfen waren. Zeilhuber baute bis 1950 pneumatische, ab 1930 auch elektrische Kegellade. Die Rückbesinnung auf die Schleiflade erfolgte ab etwa 1960, zunächst elektrisch, ab 1967 rein mechanisch. Die Dispositionen der Zeilhuber-Orgeln behielten bis etwa 1960 einen spätromantischen Bestand an Grundstimmen, der durch orgelbewegte Mixturen und Zungenstimmen ergänzt wurde. Erst mit der Wiedereinführung der Schleiflade veränderte sich der Klang, wurde steiler und spröder, was nicht zuletzt den Vorgaben der Orgelsachverständigen entsprach. Hierzu sei ein Zitat von Firmengründer Josef Zeilhuber sen. angemerkt, das eine gewisse Ernüchterung über die wechselnden Moden wiedergibt: „Erst hat man mechanisch gebaut, das war nix. Dann hat man pneumatisch gebaut, das war auch nix. Dann hat man elektrisch gebaut, das war erst recht nix. Jetzt soll man wieder mechanisch bauen – jetzt mag ich nimmer!“ Nach dem Tod von Alfons Zeilhuber sen. im Jahr 1986 ruhte der Betrieb. Seit 1997 baut Alfons Zeilhuber jun. wieder Orgeln, die aufgrund ihrer sorgfältigen Intonation, der künstlerischen Gehäusegestaltung und ihrem kreativen Umgang mit der Klanglichkeit der Spätromantik bemerkenswert sind.

Die Orgel in der Pfarrkirche St. Johann Baptist, Oberstdorf

Die Pfarrkirche geht auf einen spätgotischen Bau zurück. Nach einem verheerenden Brand im Jahr 1865, dem zwei Drittel des Ortes zum Opfer fielen, wurde die Kirche 1866/67 wieder aufgebaut und 1870/71 mit einer neuen Orgel (II/22) aus der Werkstatt von Joseph Bohl (Augsburg) ausgestattet. 1934 erstellte Josef Zeilhuber einen Neubau mit 49 Registern und 9 Transmissionen, der 1936 durch ein hinter dem Hochaltar aufgestelltes Fernwerk mit 6 Registern ergänzt wurde.
Die im neugotischen Kirchenraum ungewöhnlich sachlich anmutende Prospektgestaltung stammt von Architekt Prof. Michael Kurz (Augsburg). Manual I und Pedal stehen mittig und werden links und rechts von den in zwei Etagen übereinander angeordneten Manualen II und III flankiert.
Die Disposition versucht, die deutsch-romantische Orgel mit der Orgelbewegung zu verbinden. Dabei entsteht der Eindruck, zwei Orgeln in einer zu begegnen. Noch in der Spätromantik verwurzelt sind die dynamisch gestaffelten 8'-Register und Charakterstimmen wie Doppelflöte 8', Keraulofon 8', Klarinette 8', Horn 8' oder Cornettino 2 2/3'. Höchst spätromantisch und außergewöhnlich erscheinen die gleich zweifach vorhandenen Schweberegister Unda maris 8' und Vox coelestis 8' sowie die Tatsache, dass Manual II, III und das Fernwerk jeweils schwellbar sind.
Der Orgelbewegung hingegen entstammen die gemischten Register, die hoch liegenden Mixturen und die Zungen Rankett 16', Vox humana 8' und Rohrschalmei 4'. Als ob jede klangliche Verdickung ausdrücklich zu vermeiden sei, geht die Intonation eher ins Spröde. Die einzelnen Klangfarben zeichnen klar (bis auf die 16'-Register im Pedal), lassen sich reizvoll neu kombinieren oder gegenüber stellen. Die Disposition versucht, die Horizontale (8'+8'+8'...) und die Vertikale (16'+8'+4'+2'...) gleichermaßen zu ermöglichen.
Was man mit womöglich überidealisierten Anspruch an eine „Stilorgel“ als Unentschiedenheit des Oberstdorfer Instruments empfinden könnte, beschreiben die Sachverständigen Anton Schmid und Josef Kopfmüller in ihrem Abnahmegutachten von 1934 so: „Was kann es z. B. Prächtigeres geben als die Mischung von Subbaß und Rankettbaß? Oder die schöne Rohrschalmei als Solo? Clarinette oder Vox-Humana allein oder in Mischung mit Grund- bzw. Oberstimmen? Welche dankbare Aufgabe hat an diesem Werk ein Organist, der sich die Mühe gibt, außerhalb der alltäglichen Bahnen sich auf die Suche nach Neuem zu machen!“
Ausgesprochene Rarität dieser Orgel das hinter dem Hochaltar platzierte Fernwerk. Außer diesem Exemplar gibt es im Allgäu nur noch ein weiteres aus dieser Zeit, nämlich im Schwesterinstrument von Bad Hindelang (Josef Zeilhuber 1937). Auch im Fernwerk spiegelt sich der Kompromiss-Wille der gesamten Orgel wider: Einerseits schwellbar und mit den genuin romantischen Registern Alphorn 4' und Aeolsharfe 4' besetzt, weist es andererseits eine „klassische“ Disposition mit heller Mixtur 1 1/3'-Krone und dem neobarocken Solo-Register Bärpfeife 8' auf.
Insgesamt betrachtet stellt diese Orgel das Gestalt gewordene Experiment einer Übergangszeit dar: Noch nicht ganz abgelöst von der Vergangenheit der Spätromantik und noch nicht vollständig in einem neuen Stil angekommen ist dieses Instrument ein Meilenstein auf der Suche nach dem Orgelklang der damaligen Zukunft. Was man nicht eindeutig zuordnen kann, hat es meistens schwer. Aber gerade die Befreiung von Schablonen führt zu den eigentlichen Entdeckungen.
2012/13 Renovierung der Orgel durch OBM Siegfried Schmid (Knottenried).

Disposition

I. Hauptwerk (C-a3)
Bordun 16'
Prinzipal 8'
Gemshorn 8'
Gedeckt 8'
Dolce 8'
Quinte 5 1/3'
Octave 4'
Rohrflöte 4'
Rauschpfeife 2 2/3' III
Superoktave 2'
Mixtur 1 1/3' V
Basson 16'
Trompete 8'
II-I
III-I

I. Fernwerk (C-a3)
(schwellbar)
Gedeckt 8'
Alphorn 4'
Aeolsharfe 4'
Flautino 2'
Mixtur 1 1/3'
Bärpfeife 8'

II. Schwellwerk (C-a3)
Gedeckt 16'
Flötenprinzipal 8'
Zartflöte 8'
Unda maris 8'
Keraulofon 8'
Quintatön 8'
Prinzipal 4'
Kleingedeckt 4'
Pikkolo 2'
Sesquialter 2 2/3'
Cornettino 2 2/3 IV
Zimbel 1' III
Klarinette 8'
Clairon 4'
Tremulant
III-II

III. Schwellwerk (C-a3)
Kupfergedeckt 8'
Salicional 8'
Vox coelestis 8'
Doppelflöte 8'
Prinzipal 4'
Traversflöte 4'
Quinte 2 2/3'
Flachflöte 2'
Larigott 2' II
Nachthorn 1'
Mixtur 2' IV
Rankett 16'
Horn 8'
Vox humana 8'
Rohrschalmei 4'
Tremulant

Pedal (C-f1)
Prinzipalbass 16'
Contrabass 16'
Subbass 16'
Zartbass 16' (Trm. II)
Quintbass 10 2/3'
Oktavbass 8'
Gedecktbass 8' (Trm. I)
Cellobass 8' (Trm. II)
Prinzipalbass 4' (Trm. I)
Bassflöte 4'
Mixturbass 2 2/3' (Trm. I)
Posaune 16'
Bassonbass 16' (Trm. I)
Trompetenbass 8' (Trm. I)
Claironbass 4' (Trm. II)
I-P
II-P
III-P

Kegelladen, pneumatische Spiel- und Registertraktur für Hauptorgel, Fernwerk elektrisch. Das Fernwerk befindet sich hinter dem Hochaltar in einem Schwellkasten.

Spielhilfen: 2 freie Kombinationen / Registerschweller als Tritt mit Anzeiger / Schweller mit Anzeiger für II, III und Fernwerk / Tritt für „Koppeln zum Schweller“ / Druckknöpfe und Tritte für „Freie Kombination I“, „Freie Kombination II“, „Auslöser“, „Tutti“, „Mixturen ab“, „Zungen ab“, „Automatisches Pedal an“ / Einzelabsteller für Zungen