Oberstaufen, St. Peter und Paul

Gebrüder Hindelang 1920

Gebrüder-Hindelang-Orgel (1920) in St. Peter und Paul, Oberstaufen

Die 1919/1920 erbaute Orgel der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Oberstaufen zählt zu den wenigen fast unverändert erhaltenen Großorgeln aus der Endphase der süddeutschen Orgelromantik. Zu einer höchst beeindruckenden und bedeutenden Denkmalorgel wird das Instrument durch die Verbindung von klanglicher und handwerklicher Qualität. Zudem ist das Werk mit seinen 47 Klangfarben das größte erhaltene Instrument der heute nicht mehr existierenden Orgelbauwerkstatt Gebrüder Hindelang aus Ebenhofen im Ostallgäu.

Die kathedralartige Akustik der Oberstaufener Pfarrkirche bringt den Klang dieser Orgel einzigartig zur Geltung. Orgelmusik aus der Zeit der Spätromantik (z. B. Kompositionen von Reger, Karg-Elert, aber auch von Franck, Widor und Vierne) kann hier auf fantastische Weise und authentisch interpretiert werden.

Die Orgel befindet sich auf der Westempore der Kirche. Ihr schlichter Freipfeifenprospekt ist gestalterisch sehr geschickt als dezent akzentuierende Umrahmung der westlichen Fensterrosette der Kirche konzipiert.

Geschichte der Werkstatt

Um das Jahr 1875 gründete der Autodidakt Paul Hindelang in seinem Heimatdorf Ebenhofen/Ostallgäu eine Orgelbauwerkstatt und übergab diese an seine Söhne Peter Paul (1860-1943) und Heinrich I (+1911). Ihre Ausbildung erhielten beide vermutlich bei Pröbstl (Füssen). Zunächst entstanden Instrumente mit mechanischer, ab etwa 1895 mit pneumatischer und ab den 1930er Jahren mit elektrischer Kegellade. Nach ihrer Etablierung im schwäbischen Raum lieferte die Firma ab 1918 auch nach Oberbayern und Franken. Die nächste Generation, Friedrich I (1897-1977), Adolf Johann (1901-1984) und Xaver Eugen Hindelang (1907-1998), erstellte eindrucksvolle Reform-Orgeln und orgelbewegte Instrumente. Nach 1945 verlor die Firma den Anschluss an andere Orgelbauer, die sich schon der Orgelbewegung verpflichtet hatten und konzentrierte sich – auch aufgrund von Antipathien mit heimischen Orgelsachverständigen – auf das fränkische Absatzgebiet. Die Firma bestand unter Heinrich III (*1943), Paul Eugen (*1946) und Friedrich II (*1956) noch bis etwa 1978. In ihrer knapp hundertjährigen Geschichte sind etwa 350 Neubauten entstanden.

Stilistische Ausrichtung

Die Firma Hindelang begann ihre Tätigkeit in der Ära der Kegelladen-Orgel mit hochromantischer Disposition. Die pneumatischen Instrumente (ab 1895) weisen zunehmend in Richtung der Rupp'schen/Schweitzer'schen Orgelreform, nahmen aber auch Elemente der Orgelbewegung auf, wodurch höchst individuelle Lösungen entstanden (z. B. Obergünzburg 1930). Die Gebrüder Hindelang blieben bis zur Einführung der Elektrik (ca. 1930) der Spätromantik verpflichtet und lassen große handwerkliche und intonatorische Sorgfalt erkennen. Mit dem wirtschaftlich notwendigen Anschluss an die Orgelbewegung verlor die Firma zunehmend an Originalität. Nach 1945 zeigt das künstlerische Konzept einen Bruch zwischen spätromantischer Basis und dem Willen, die neobarocken Vorgaben zu erfüllen, weswegen sich nur noch wenige Orgeln als stimmiges Gesamtkonzept von der breiten Masse abheben.

Die Orgel in der Pfarrkirche St. Peter und Paul, Oberstaufen

Die 1859-63 in neugotischen Formen erbaute und eingerichtete Pfarrkirche (1950-65 Purifizierung, teilweise Wiederherstellung der Ausstattung 1977-1982) erhielt um 1865 eine zweimanualige Orgel von Balthasar Pröbstl (Füssen). 1920 übernahmen die Gebrüder Hindelang einen Teil des Pfeifenwerks für einen beeindruckenden Neubau mit 46 Registern, die sich auf drei Manuale (zwei davon Schwellwerke) und Pedal verteilen.
Die Orgel verwirklicht, was Albert Schweitzer und Emil Rupp mit dem Idealtyp der „Reform-Orgel“ vorschwebte: Diese sollte das barocke Klangideal von Silbermann mit orchestralen Registern vor allem aus der französischen Romantik und einem ausreichenden Bestand an Zungenstimmen vereinen. Ein solches Vorhaben konnte einigermaßen zufriedenstellend nur in großen Instrumenten wie Oberstaufen umgesetzt werden.
Jedes Manual besitzt in jeweils differenzierter Bauart die Registergruppen Prinzipal, Flöte, Streicher und Gedeckt. Diese geradezu impressionistische, niemals dickflüssige Palette an 8'-Stimmen lässt ein ausgeklügeltes, in Farbe und Dynamik lückenloses Registercrescendo zu. Dank sonorer Intonation verleihen ihm die Zungen Kraft und Charakter und die Mixturen Glanz. „Die Orgel soll bis zu einem gewissen Grad das Abbild und die Ergänzung des modernen Orchesters [und] nicht mehr das traditionelle starre Instrument von ehedem, sondern ein geschmeidiges, schwellfähiges, überall sich anpassendes Wesen sein“, fasst der amtliche Orgelsachverständige Benefiziat Anton Schmid (München) in seinem Abnahmegutachten zusammen.
Auffallend ist der Mangel an 2'-Registern, die Zahl von vier Mixturen und drei gemischter Register. Brillianz im Diskant und noch mehr „Bauch“ verleihen insgesamt sechs (!) Super- und vier Suboktavkoppeln. Das Hauptwerk (Manual I, in der Mitte abgesenkt unter dem Rosettenfenster) bietet neben majestätischer 16'-Basis ein rauschendes Cornett 8' und eine kernige Trompete 8'. Manual II (schwellbar, mit Blick auf die Orgel hinter der rechten Prospektseite) fungiert als solofähiges Begleitklavier. Manual III (schwellbar, symmetrisch zu II auf der linken Seite) vereint Solo-, Echo- und Bombardwerk. Das Pedal (aufgestellt an der Rückwand) ist nicht nur reines Bassklavier: Es lässt sich durch seine Vielzahl von Registern dynamisch flexibel stufen, ohne den Klang zu verdicken. Die Koppel III-P sorgt bei Bedarf für Helligkeit.
Erwähnenswert sind die Zungenstimmen Oboe 8', Klarinette 8' und Tuba mirabilis 8', die wie all ihre labialen Verwandten, seien es Flöten (z. B. Flûte harm. 8') oder Streicher, eine äußerst charakteristische Intonation besitzen. Wer sich in diesen Klangkosmos vertieft, kann ohne Übertreibung „raffinierte Farbwechsel“, „überraschende Gegensätze“, ja „ungeahnte versteckte Klangschönheiten […] und tagtäglich Neuheiten entdecken.“ (Anton Schmid)

Abseits großer Kulturzentren ist diese Orgel eines der letzten im Originalzustand erhaltenen Instrumente ihres Typs und im weiten Umkreis des Allgäus gar das Einzige von solch klanglicher Qualität. Derzeit (2012) wartet die Hindelang-Orgel auf eine dringend notwendige Komplettsanierung.

Disposition

I. Hauptwerk (C-g3)
Prinzipal 16'
Prinzipal 8'
Flûte harm. 8'
Gedeckt 8'
Gamba 8'
Dolce 8'
Oktav 4'
Rohrflöte 4'
Rauschquinte 2 2/3' 2fach
Cornett 8'
Mixtur 2' 4fach
Trompete 8'
II-I
III-I
Superoktav II-I
Suboktav II-I
Superoktav III-I
Suboktav III-I

II. Schwellwerk (C-g4)
Quintatön 16'
Flötenprinzipal 8'
Salizional 8'
Viola 8'
Liebl. Gedeckt 8'
Fernflöte 8'
Spitzflöte 4'
Fugara 4'
Harmonia aetherea 2 2/3' 3fach
Oboe 8'
III-II
Superoktav II-II
Suboktav II-II
Superoktav III-II
Suboktav III-II

III. Schwellwerk (C-g4)
Bourdon 16'
Hornprinzipal 8'
Hohlflöte 8'
Bourdon 8' (Trm. aus Bordun 16')
Aeoline 8'
Vox coelestis 8'
Prinzipal 4'
Traversflöte 4'
Sesquialter 2 2/3' 2fach
Piccolo 2'
Echo-Mixtur 2' 3fach
Cimbel 1 1/3' 4fach
Tuba mirabilis 8'
Klarinette 8'
Trompette harmonique 4'
Tremulant
Superoktav III-III
(geplant, aber nicht ausgeführt: Harfe c-c5)

Pedal (C-f1)
Prinzipalbaß 16'
Violon 16'
Subbaß 16'
Bourdonbaß 16' (Trm. III)
Salicetbaß 16'
Quintbaß 10 2/3'
Oktavbaß 8'
Posaune 16'

Trompete 8'
I-P
II-P
III-P
Superoktav III-P

Kegelladen, pneumatische Spiel- und Registertraktur. Die Manuale II und III sind ausgebaut bis a4.

Spielhilfen: 1 freie Kombination / Registerschweller als Tritt mit Anzeiger / Druckknöpfe für „Freie Kombination“, „Crescendo an“, „Crescendo mit Koppeln“, „Crescendo ohne Koppeln“, „Pianopedal“, „Handregister frei zum Crescendo“, „Rohrwerke ab“ / Schweller mit Anzeiger für II und III / Feste Kombinationen als Druckknöpfe für pp, p mf, f, Tutti und Auslöser,