Gerhard Schmid, Kaufbeuren

Bemerkung: Dieser Text wurde auch als Artikel in Wikipedia eingestellt und beruht auf der Quellen- und Feldforschung von Christian Kohler (Christian Kohler: Orgeln und Orgelbauer im Allgäu von 1850 bis zur Gegenwart. Augsburg 2007).

Geschichte der Werkstatt

Geboren 1925 in Kaufbeuren, war Gerhard Schmid 1945-1948 bei Hindelang (Ebenhofen) und kurze Zeit bei Zeilhuber (Altstädten) tätig. 1949-1953 arbeitete er bei Moser in München und studierte gleichzeitig Orgel und Klavier am dortigen Händel-Konservatorium. 1952 legte er die Meisterprüfung ab und war 1953-1955 als Intonateur bei Mårtensson (Schweden). 1955 machte sich Schmid in Kaufbeuren selbständig und baute bis zu seinem Tod mehr als 200 Orgeln in Deutschland, Österreich, Schweden, Finnland, Italien und Frankreich. Im Rahmen des Hilfswerks „Triumph des Herzens“ stellte Schmid parallel zu seiner eigentlichen Tätigkeit zahlreiche Gebrauchtorgeln kostenlos in Osteuropa auf. 2004 starb Gerhard Schmid an den Spätfolgen der Verletzungen, die er beim Sturz von einem Baugerüst in der Moskauer Kathedrale erlitten hatte. Sein Sohn Gunnar (*1967) leitet seither den Betrieb.

Stilistische Ausrichtung

Im Gegensatz zu den Firmen Hindelang und Zeilhuber, deren Wurzeln in der Spätromantik liegen, war Gerhard Schmid seit Gründung seiner Firma der neobarocken Stilistik verpflichtet und schuf eine schwäbisch-süddeutsche Variante der fortgeschrittenen Orgelbewegung. Äußerliche Merkmale dieser Instrumente sind ihre schlanken, oft modernen oder abstrakt-barockisierenden Gehäuseformen mit klar erkennbarem Werkaufbau, ziselierten Prospektpfeifen und häufig Spanischen Trompeten. Die Dispositionen Schmids sind mit hoch liegenden Mixturen, entlegenen Obertönen bis zu 8/15' und seltenen Aliquoten besetzt (auch im Pedal), verzichten aber nicht auf Streicher oder Schwebungsregister. Auch kleine Orgeln besitzen Schwellwerke, große Instrumente sogar mehrere. Die für Schmid-Orgeln charakteristische Farbigkeit des Orgelklangs entsteht durch eine selbst bei kleinen Registerzahlen pointierte Intonation und die beinahe eklektizistische Vielfalt unterschiedlicher Registertypen. So stehen z. B. Quintade 16', Spitzgamba 8', Traversflöte 4', Kleinpommer 2' etc. nebeneinander, was spannende synthetischen Mischungen ermöglicht. Romantische Register aus Vorgängerorgeln verwendete Schmid aus Kostengründen und im Bewusstsein um deren handwerkliche Qualität oft wieder. Sie wurden umintoniert oder im Original eingesetzt (z. B. durchschlagende Klarinette 8'). Weitere Schmid'sche Besonderheit sind der Ausbau von Pedalregistern in die Diskantlage (meist ab 8' aufwärts), welche als Kleinpedal von einem Manual aus spielbar sind. Charakteristisch sind zudem die als Hakentritte angelegten Koppeln und frei schwenkbaren Registertableaus. Auch als Restaurator von barocken und romantischen Orgeln hat sich Schmid verdient gemacht, den zahlreiche Anekdoten als eigensinnigen, unermüdlichen, aber auch tief menschlichen Charakter beschreiben.